Mountainbikes am Weinberg

Vom Luxus des Fahrradfahrens

Es ist noch relativ früh am Morgen. Ich stehe am Fenster und starre in den Regen. Töchterchen muss gleich zur Schule. „Zieh die Regenhose über“, sage ich zu ihr. Sie murrt. Klar, Regenhose an- und ausziehen kostet Zeit, wertvolle Zeit, wenn sie in der Schule angekommen ist. Doch es regnet einfach zu stark. Es sind zwar keine zwei Kilometer bis zur Schule, aber sie wäre nach ein paar Metern durchnass. Auf dem Weg nach Hause ist es egal, da kann sie sich umziehen, für den Hinweg jedoch lasse ich mich auf keine Diskussionen ein.

Gut eine halbe Stunde später stehe ich wieder am Fenster. Der Regen ist noch stärker geworden. Stürmisch ist es auch noch. Ich muss demnächst los zur Arbeit. Auch für mich gilt: Regenhose überziehen. Auch ich würde sonst klatschnass bei der Arbeit sitzen. Ich noch dazu mit einer Klimaanlage, also noch weniger Diskussion mit mir, als mit Töchterchen. Aber es ist so richtig eklig, das Wetter. Nehme ich ausnahmsweise mal das Auto? Ich könnte ja…

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Kürzlich rief Julia bei lila lummerland eine Blogparade zum Thema „I want to ride my bicycle“ ins Leben. Fahrradfahren, unser Alltag in der Stadt. So viele Dinge, die es da zu erzählen gibt, sei es eben Alltagskram, was einem so täglich auf dem Weg zur Schule oder Arbeit passiert, sei es vom Hobby Mountainbikefahren, sei es vom Fahrradkauf. Aber das Entscheidende für uns, für Töchterchen und mich, ist eben die Möglichkeit es zu tun.

Fahrrad im WaldViele Jahre sah das anders aus, als wir noch im Untertaunus wohnten. Gut, zur Schule wäre es gegangen, hin sowieso, zurück allerdings ging es doch sehr bergauf und mit der Betreuung im Hort und Regeln etc. hatte sich das Thema eigentlich erledigt. Für mich Flachländerin mit meinem alten Hamburger Stadtrad, mit 5-Gang-Nabenschaltung und Rücktritt war jeder Hügel eine Herausforderung. Mal zum Einkaufen, mal in den Wald, okay, mit etwas Training ging das. Aber zur Arbeit mit dem Rad war ausgeschlossen. 25 km über Berg und Fluß, nein. Selbst, als ich mir das Mountainbike zulegte, als ich soweit fit war – schon vom zeitlichen Aufwand her – keine Chance.

Das alte Stadtrad zog eines Tages nach Mainz, zu meiner Arbeit, beziehungsweise zum Bahnhof. Als die Schiersteiner Brücke komplett gesperrt war und ich diverse Möglichkeiten ausprobierte, wie ich den Arbeitsweg am besten bewältigen kann. So stand es dann am Bahnhof, wartete auf mich, ich fuhr damit zur Arbeit und nach Feierabend blieb es wieder am Bahnhof stehen. Als die Brücke wieder frei war, blieb das Rad bei der Arbeit im Fahrradständer stehen. So konnte ich in der Mittagspause zum Beispiel kurz in die Stadt, oder einfach nur zum Vergnügen rumfahren.

Nach der Grundschulzeit zogen wir dann nach Mainz. Statt 25 Kilometer Arbeitsweg habe ich jetzt nicht mal mehr 2. Kann man sogar zu Fuß gehen, ist aber wirklich die letzte Option. Ich habe ja mein Fahrrad. Das alte Hamburger Stadtrad wurde irgendwann durch ein neues Trekkingrad ersetzt, mit mehr Gängen und „richtiger“ Schaltung. Für den Alltag, damit Töchterchen mich nicht immer verheizt, sobald es bergauf geht. Denn hier in der Stadt steht das Auto meist nur rum. Ich kann bequem mit dem Fahrrad einkaufen, da benötige ich das Auto nur für Getränke- und andere sehr seltene Großeinkäufe. Wir können mit den Rädern locker in die Stadt fahren, an den Rhein, Eisessen, zum Nimmerland, Bücher kaufen, ins Kino und und und. Auch eher unangenehme Dinge wie Arztbesuche erledigen wir, soweit gesundheitlich möglich, nur noch mit dem Fahrrad.

Trekkingrad im WaldFür mich ist das Luxus. Luxus, dass ich mit dem Fahrrad nahezu alles erledigen kann. Ich bin gerne draußen, das bißchen Bewegung auf dem Weg zur Arbeit tut auch gut, ich brauche keine Geduld im Stau, davon, dass ein Fahrrad keine Benzinkosten verursacht ganz zu schweigen. Die Umwelt freut sich auch. Ich kann querbeet fahren, Abkürzungen aller Art nehmen. Es macht mich viel freier, es ist ein ganz anderes Lebensgefühl, sich einfach so auf das Fahrrad setzen zu können. Nicht mehr auf Autofahren angewiesen zu sein. Eben Luxus.

Wir haben im Alltag die Option, das Auto zu nehmen, oder auch, uns in den Bus zu setzen, aber letztlich – das Wetter muss schon sehr ungemütlich sein, bis wir auf eine dieser Möglichkeiten ausweichen. Töchterchens Schulweg wäre mit dem Auto sogar mehr als doppelt so lang wie mit dem Rad, da wäre sie zu Fuß noch schneller. Wenn es viel zu transportieren gibt, nun, dann bringe ich sie kurz mit dem Fahrrad oder eben zu Fuß hin, den Streß, mich da zwischen die ganzen Elterntaxis zu quälen, durch den Berufsverkehr zu fahren, das tue ich uns nicht an.

Selbst bei schlechtem Wetter – und damit wären wir wieder oben angelangt – verzichtet sie nicht auf ihr Fahrrad. Ich stehe vor dem Fenster, es stürmt immer noch, es schüttet und ich hole Regenhose und wasserdichte Schuhe raus. Denn, ich habe die Freiheit das Auto zu nehmen. Ich habe aber auch die Freiheit es nicht zu tun und mich auf das Fahrrad zu setzen.

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In den Netzwerken als Schreibmamsell unterwegs. Immer auf der Suche nach Zeit (und Mut) die diversen Ideen zum Leben zu erwecken.

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