Cover Wächter der Meere vor Bücherregal

Gelesen: Wächter der Meere, Hüter des Lichts

Nachdem wir mit Miranda Lux so viel Vergnügen beim Vorlesen hatten, lag es nahe, auch den neuen Jugendroman von Oliver Schlick zu kaufen. „Wächter der Meere, Hüter des Lichts“ übte aber auch aus anderen Gründen einen gewissen Reiz aus, zumindest auf mich. Leuchttürme, das riecht immer ein wenig nach Meer. Auf der Frankfurter Buchmesse nahmen wir das Buch in die Hand, der Cover des Schutzumschlags mit dem leuchtenden Leuchtturm, der Farbgestaltung in überwiegend blau und gelb wirkt. Auch dadurch, dass der Umschlag nicht glänzend und glatt ist, sondern eine leichte Struktur hat. Die Haptik ist eher weich und nicht so kalt, wie es die typischen Umschlage sind. Rutscht auch weniger aus der Hand. Soviel zu den äußeren Reizen eines Romans, den man als reine Geschichte lesen kann, der aber auch noch eine andere Ebene hat, eine – sagen wir mal – philosophisch-psychologische, derer man sich gerne mal bewußt werden darf. Ach ja, ein wenig Detektiv spielen kann der Leser nebenbei auch noch, wenn er mag.

Zur Geschichte: Die 16jährige Rebecca lebt ein relativ normales Teenagerleben, einzig ihre Pflegeeltern scheinen etwas steril zu sein. Ein liebevolles Zuhause hat sie nicht. Aber sie hat ihre beste Freundin Mareike, mit der sie wirklich durch dick und dünn geht. Ihr so beschauliches Leben im gut betuchten Teil von Hamburg-Eppendorf gerät von einem Tag auf den anderen vollkommen aus den Fugen, als sie plötzlich Stimmen in ihrem Kopf hört und mysteriöse Wächter auftauchen. Diese Wächter sind fast alle Leuchtturmwärter, einer skurriler als der andere. Ihnen bleibt nicht viel Zeit, Rebecca in das Geheimnis einzuweihen, das die Menschheit bedroht und welches für die Stimmen und Visionen die sie hört und sieht verantwortlich ist. Rebecca wird aus ihrem gewohnten Leben gerissen und muss begreifen, dass es noch eine weitere Wahrheit gibt, als die, die sie bisher kannte. 

„Wächter der Meere, Hüter des Lichts“ beginnt mit einem Prolog. Man lernt kurz Simon Eckholt kennen, der gerade von seiner einwöchigen Schicht auf dem Leuchtturm von Duenborg zurückkehrt. Nur kurz kann er zu Hause ankommen, dann reißt ihn ein Ereignis auf das er offensichtlich seit langem „wartet“ aus dem Feierabend, er rennt zum Strand, die Szenen überschlagen sich und – der Prolog endet. Ein Prolog, der den Leser sofort reinzieht in das Buch. Klasse Teaser zum neugierig machen. „Weiterlesen, Mama!“, heißt es prompt von der 13jährigen Zuhörerin. Ich lese weiter. Gemein spannend in der Anfangsphase, in der man den Prolog noch im Kopf hat und sich fragt, was das mit mit Rebecca zu tun hat und was mit ihr passiert, die quasi auf einer Party den Anstandsdackel für ihre Freundin gibt. Wobei sie durch die auftauchenden Stimmen in ihrem Kopf unterbrochen wird. Dann taucht da auch noch ein Junge auf, der so gar nicht in diese megacoole, zerstörerische Party voll Alkohol und wohl auch Drogen passt. Dieser Junge ist jedoch auch schlagartig wieder verschwunden, nachdem er Rebecca kurz zur Hilfe kam. Als diese dann ihre Freundin Mareike nach Hause schleppt, fällt ihr ein seltsames Pärchen auf der anderen Straßenseite auf. In der Nacht hat sie merkwürdige Träume, hört wieder diese Stimmen, fürchtet, dass sie verrückt wird. Oder hat sie auf der Party passiv Drogen „inhaliert“? Sie ist zerfressen von Zweifeln, traut sich jedoch nicht, ihre sehr seltsamen Pflegeeltern einzuweihen. 

Als wir anfingen, Oliver Schlicks schwer in eine Kategorie zu pressenden Roman zu lesen, waren die Weihnachtsferien gerade zu Ende, Töchterchen musste zwangsweise am nächsten Tag früh aufstehen. Screenchot eines Facebook Posts zum Roman.

So ging es weiter. Die Wächter tauchen auf, als Rebeccas Retter in einer ziemlich bedrohlichen Situation. Rebecca bleibt wenig anderes übrig, als diesen komischen Typen zu vertrauen und mit ihnen abzuhauen. Im Eiltempo erfährt sie auf der gemeinsamen Flucht häppchenweise halbe Informationen. Nach und nach lernt sie alle Wächter kennen, die meisten von ihnen altgediente Leuchtturmwärter. So durchschnittlich Rebecca ist, so skurril sind diese Figuren. Ich fühlte mich bei einigen spontan an Charaktere aus Miranda Lux erinnert, in den Grundzügen gab es da durchaus Parallelen. Eigentlich sind auch die Wächter alle Durchschnittstypen, keiner hat irgendwelche übersinnlichen Fähigkeiten oder sonstige Superkräfte, eher im Gegenteil. Dennoch ist jeder so eigen, dass wir immer wieder lachen müssen. Die Eigenarten sind alle leicht überzeichnet und jeder kommt woanders her. Candela, eine Französin, Eilean, ein Schotte, Charly und Luis Arkona, ständig streitende Zwillinge, Helios, ein Rheinländer zum Beispiel. Letzterer hat einen gewissen Karnevalstick. Und: Immer wieder muss er sich verspotten lassen, dass er Wächter auf einem Schauleuchtturm an einem Fluß ist.

Was mich das ganze Buch durch irritierte war, dass nur Helios Sätze auch im Dialekt geschrieben waren. Das war weder bei den „Ausländern“ noch den Norddeutschen der Fall und keiner von denen hat eine astreine schriftdeutsche Aussprache. Also warum bei einem und nicht bei den anderen? Nebenbei war er derjenige, dessen Aussprache ich als Hamburgerin nicht imitieren konnte beim Vorlesen. Rheinischer Singsang liegt mir gar nicht. Töchterchen war eher genervt von meinen schlechten Versuchen… Norddeutsche „Küstenaussprache“ war dagegen kein Problem, nur war da der geschriebene Wortlaut nich immer so, wie man da eben sprechen tut, nech wahr? Wodurch ich an manchen Stellen nicht so ganz wortgetreu, dafür aber flüssiger vorlas. 

Rebecca erfährt vieles. Sie ist eine der Schlüsselfiguren in einer jahrhundertealten Prophezeiung, die nur die Wächter und ihre Gegenspieler kennen. Mit der Zeit wird klar, dass unter den Wächtern ein Verräter sein muss. Die Ereignisse überschlagen sich, fast durchweg herrscht Spannung. Und ist keine Spannung da, ist immer wieder für eine gewisse Situationskomik gesorgt. Die Charaktere sind einfach wunderbar angelegt dafür. Auch in den vielen brenzligen Situationen mussten wir unwillkürlich immer wieder schmunzeln. Nebenbei rätselten wir automatisch mit, wer der Verräter sein könnte. Tatsächlich war es aber so, dass wir die letzten 300 Seiten an einem Wochenende durchlasen und uns die Geschichte so mitnahm, dass nur zwischendurch beim Essen Zeit war, zu sortieren, wer was sein könnte. Nur in einer kurzen Phase ca. in der Mitte des Buches war mal etwas die Luft raus, fand ich. Immer wieder gibt es unerwartete Wendungen, auch wenn das Ziel klar wird. Ein Großteil des Buches ist aus Rebeccas Sicht geschrieben. Der Leser erfährt mit Rebecca immer mehr über die Ursache der Stimmen (Achtung, ein Touch Esoterik ist im Spiel), über die Mission der Wächter, die Bedeutung der Leuchttürme. Das Ende konnte mich dann allerdings nicht ganz so überzeugen. Es wirkte ein wenig abgebrochen, als wäre hier dann einiges der Löschtaste zum Opfer gefallen, damit es kürzer wird. Nahezu ereignislos ist der finale Moment, wenn er auch – ach nee, geht ja nich, is ja Spoiler, das zu verraten.

Spannung, Abenteuer, Action, Geheimnisse, Prophezeiungen, ein wenig Übersinnliches, Liebesgeschichte(n), ein Hauch von Fantasy, Sozialkritik, alles ist enthalten. Theoretisch könnte man meinen, das neigt zur Überfrachtung. Aber nein, es ist in sich absolut stimmig. Der Hintergrund, eigentlich die Basis der Geschichte, der ist das, was dem Roman die andere Ebene hinzufügt. Die, die etwas psychologisch-philosophisches hat. Nicht die Stimmen sind es, die Rebecca hört, sondern das, was die Feinde der Wächter verkörpern, für wen oder was sie kämpfen. Leider kann ich das hier nicht weiter ausführen, ohne etwas der Spannung vorwegzunehmen. Eine zentrale Frage jedoch, die Rebecca schnell gestellt wird, sei zitiert: „Was, wenn deine Entscheidungen gar nicht immer so frei sind, wie du glaubst? Was, wenn du nur denkst, dass deine Gedanken so frei sind, wie du denkst? Was, wenn deine Gedanken gar nicht immer deine Gedanken sind?“.  Das Ganze bekommt im Laufe des Buches Futter. Es lohnt sich, über den Grundgedanken dahinter nachzudenken und ihn nicht mit dem Buch zuzuklappen und wegzustellen. 

Fazit:

Oliver Schlick hat mit „Wächter der Meere, Hüter des Lichts“ wieder einen sehr spannenden Jugendroman geschrieben, den man auch als Erwachsener gut lesen kann. Wir haben mitgefiebert, gerätselt, gelacht und mochten das Vorlesen meist kaum unterbrechen. Der Hang des Autors zu sehr stark gezeichneten Eigenschaften einzelner Protagonisten passt hervorragend mit der Geschichte zusammen. Eine Geschichte, die in dieser Welt spielt, ihr aber etwas hinzufügt, einen anderen Hintergrund gibt. Bei aller Spannung, aller Situationskomik, lohnt es sich, auch diesen Aspekt beim Lesen mit aufzunehmen. Die handelnden Personen sind stinknormal und doch sehr eigen. Sie verbindet eine Prophezeiung, sonst nichts. Wie sie dennoch zusammen arbeiten, manch einer wissend, dass ein Verräter unter ihnen ist, ist teilweise komisch und faszinierend zugleich. Humorvoll und spannend erzählt, das im Ueberreuther Verlag erschienene Buch bekommt von uns eine klare Empfehlung. 

Oliver Schlick
Wächter der Meere, Hüter des Lichts
Ueberreuter Verlag

400 Seiten; 17,95 €
ISBN: 978-3764170738

Oliver Schlicks Facebook-Seite

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